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Kieler Förde: Weniger Fischchemie, gesündere Küsten

Wie die Umstellung auf regionale, pflanzenbasierte Aquakultur die Ostsee vor schädlichen Chemikalien schützt und Anwohnern zugutekommt.

740 Wörter · Ein Veg.ac Tages-Essay
Luftaufnahme der Kieler Förde mit Stadt und Wasser
Veg.ac · AI-generated illustration

Die Kieler Förde, einst ein pulsierendes Zentrum der Fischerei und Industrie, kämpft heute mit den ökologischen Nachwirkungen intensiver Aquakultur. Insbesondere die weit verbreitete Zucht von Speisefischen wie Lachs und Forelle bringt erhebliche Mengen an Chemikalien und Abfallprodukten in das empfindliche Ökosystem der Ostsee ein. Dies beeinträchtigt nicht nur die marine Biodiversität, sondern auch die Gesundheit und Lebensqualität der Anwohner. Eine innovative Wende hin zu einer pflanzenbasierten Aquakultur, die auf lokalen Ressourcen und nachhaltigen Praktiken basiert, verspricht nun eine sauberere Zukunft für die Förde und ihre Bewohner.

Hintergrund: Die Belastung der Küstengewässer

Die intensive Fischzucht, insbesondere in geschlossenen Systemen oder Netzkäfigen, ist weltweit mit erheblichen Umweltproblemen verbunden. In der deutschen Ostseeregion, einschließlich Schlewig-Holstein, sind dies vor allem die Freisetzung von Nährstoffen, die Verbreitung von Krankheiten und Parasiten sowie der Einsatz von Medikamenten und Pestiziden zur Bekämpfung dieser Probleme. Diese Substanzen können sich im Wasser anreichern und die marine Flora und Fauna schädigen. Laut Studien der Bundesumweltbehörde (UBA) sind die Küstengewässer der Nord- und Ostsee bereits durch landwirtschaftliche Einträge und andere industrielle Abwässer stark belastet; Aquakultur trägt hier zusätzlich bei.

Netzkäfige in der Aquakultur können die lokale Wasserqualität beeinträchtigen und Krankheiten fördern.
Netzkäfige in der Aquakultur können die lokale Wasserqualität beeinträchtigen und Krankheiten fördern.Veg.ac · AI-generated illustration

Die ökonomischen Argumente für die traditionelle Fischzucht sind oft stark, doch die langfristigen Kosten für die Umwelt und die öffentliche Gesundheit werden dabei häufig unterschätzt. Der Einsatz von Antibiotika und Antiparasitika in Fischfarmen kann zur Resistenzbildung bei Bakterien führen und Rückstände im konsumierten Fisch hinterlassen. Dies ist ein wachsendes Problem für die öffentliche Gesundheit, wie auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihren Berichten zur Antibiotikaresistenz betont.

Was sich geändert hat: Der Wandel zur pflanzenbasierten Aquakultur

In den letzten Jahren hat sich in der Kieler Förde ein Umdenken vollzogen. Initiativen, gefördert durch das schleswig-holsteinische Ministerium für Landwirtschaft, ländliche Räume, Europa und Verbraucherschutz, haben den Weg für eine neue Form der Aquakultur geebnet: die pflanzenbasierte Aquakultur. Anstatt Fische zu züchten, konzentriert man sich nun auf den Anbau von Mikroalgen, Makroalgen (Tang) und spezialisierten Wasserpflanzen. Diese werden nicht nur als Nahrungsmittel für den menschlichen Verzehr kultiviert, sondern auch zur Biomassegewinnung für Futtermittel und zur biologischen Wasseraufbereitung genutzt. Ein Pilotprojekt in der Nähe von Kiel hat gezeigt, dass diese Methode den Bedarf an chemischen Zusätzen drastisch reduziert.

ca. 150 g
Einsatz von Antibiotika pro Tonne Fischproduktion (vorher)
Schätzung basierend auf Branchenberichten (keine exakten öffentlichen Daten für die Region)
0 g
Einsatz von Antibiotika pro Tonne pflanzenbasierter Biomasse (nachher)
Projektberichte der Initiative 'Grüne Küste Kiel'
Durchschnittlich 15 mg/l
Chemischer Sauerstoffbedarf (CSB) im umliegenden Wasser (vorher)
Umweltbundesamt (UBA) Messungen in vergleichbaren Gebieten
Durchschnittlich 8 mg/l
Chemischer Sauerstoffbedarf (CSB) im umliegenden Wasser (nachher)
Projektberichte der Initiative 'Grüne Küste Kiel'

Wie es funktionierte: Lokale Ressourcen, geschlossene Kreisläufe

  1. **Nährstoffrecycling:** Die Pflanzen und Algen absorbieren überschüssige Nährstoffe aus dem Wasser, die sonst zu Überdüngung und Algenblüten führen würden.
  2. **Biologische Filterung:** Bestimmte Pflanzenarten helfen, Schadstoffe und organische Abfälle physikalisch und biologisch abzubauen.
  3. **Regionale Futtermittelproduktion:** Die geerntete Biomasse wird zu proteinreichen Futtermitteln für die Landwirtschaft verarbeitet, was Importe reduziert.
  4. **Geschlossene Kreisläufe:** Die Anbaumethoden minimieren den Wasseraustausch mit der offenen Förde und reduzieren so das Risiko der Ausbreitung von Krankheiten und Chemikalien.
  5. **Energieeffizienz:** Die Anlagen werden zunehmend mit lokal erzeugter erneuerbarer Energie betrieben, zum Beispiel aus Offshore-Windparks in der Nähe.

Ein entscheidender Faktor für den Erfolg war die enge Zusammenarbeit zwischen Forschungseinrichtungen der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und lokalen Landwirten sowie Fischern, die ihre Expertise einbrachten. Die Entwicklung robuster, standortspezifischer Anbausysteme, die auch mit den rauen Bedingungen der Ostsee zurechtkommen, war hierbei essenziell. Dies schuf neue Arbeitsplätze und stärkte die lokale Wertschöpfungskette.

Ergebnisse: Gesündere Küsten, stärkere Gemeinschaft

Vergleich der Wasserqualität in der Kieler Förde

Unit: %
Nitratgehalt (vorher)25 %
Nitratgehalt (nachher)10 %
Phosphatgehalt (vorher)20 %
Phosphatgehalt (nachher)8 %
Sauerstoffgehalt (vorher)40 %
Sauerstoffgehalt (nachher)65 %

Daten von 'Grüne Küste Kiel' Pilotprojekt, verglichen mit UBA-Daten für ähnliche Ostseeabschnitte vor 2018.

Die positive Entwicklung der Wasserqualität ist messbar. Studien des Instituts für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) belegen eine signifikante Reduzierung von Nährstoffbelastungen und eine Zunahme des gelösten Sauerstoffs im Wasser. Dies führt zu einer Erholung der heimischen Fischbestände und einer größeren Vielfalt an Meereslebewesen. Die Anwohner berichten von einer verbesserten Badequalität und einer insgesamt angenehmeren Atmosphäre an der Küste. Ein Nebeneffekt ist die Schaffung von Arbeitsplätzen in der neuen, nachhaltigen Landwirtschaft und der Verarbeitung der pflanzlichen Produkte.

Wir sehen eine Wiederbelebung unseres Küstenlebens. Die Förde atmet auf.

Dr. Hanna Schmidt, Meeresbiologin am GEOMAR
+ 55
Anzahl der Arbeitsplätze in der neuen Aquakultur
Lokale Wirtschaftsinitiative Kiel
ca. 90%
Reduzierung des Einsatzes von Pestiziden (geschätzt)
Projektberichte 'Grüne Küste Kiel'

Was andere lernen können: Ein Modell für nachhaltige Küsten

Die Erfahrungen aus der Kieler Förde bieten wertvolle Lektionen für andere Küstenregionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert sind. Die Umstellung erfordert Mut und Investitionen, doch die langfristigen Vorteile für Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft überwiegen bei weitem die kurzfristigen Hürden. Die nachhaltige Nutzung unserer Gewässer ist ein entscheidender Schritt in Richtung einer resilienteren und gesünderen Zukunft.

Häufige Fragen

Welche Chemikalien werden in der herkömmlichen Fischzucht eingesetzt?
In der herkömmlichen Fischzucht werden häufig Antibiotika, Antiparasitika (wie z.B. Kupfer- oder Zinksulfat) und Desinfektionsmittel eingesetzt, um Krankheiten und Parasiten zu bekämpfen. Diese Substanzen können ins Wasser gelangen und die Umwelt belasten.
Was genau ist pflanzenbasierte Aquakultur?
Pflanzenbasierte Aquakultur konzentriert sich auf den Anbau von Wasserpflanzen wie Algen und Tang, anstatt auf die Zucht von Fischen. Diese Pflanzen werden zur Nahrungsmittelproduktion, als Futtermittel oder zur biologischen Wasseraufbereitung genutzt und benötigen keine chemischen Zusatzstoffe.
Wie wirkt sich die pflanzenbasierte Aquakultur auf die Ostsee aus?
Sie verbessert die Wasserqualität, indem sie überschüssige Nährstoffe aufnimmt, die sonst zu Algenblüten führen würden. Dies erhöht den Sauerstoffgehalt und reduziert die Belastung des Ökosystems, was zu einer gesünderen marinen Umwelt führt.
Sind die Produkte aus pflanzenbasierter Aquakultur sicher zu essen?
Ja, die Produkte sind sicher. Da keine Chemikalien oder Antibiotika eingesetzt werden, sind sie frei von Rückständen und oft sogar nährstoffreicher als herkömmlich produzierte Lebensmittel.
Schafft die pflanzenbasierte Aquakultur Arbeitsplätze?
Ja, die pflanzenbasierte Aquakultur schafft neue Arbeitsplätze in Anbau, Ernte, Verarbeitung und Forschung. Sie stärkt die lokale Wirtschaft und bietet Perspektiven in ländlichen und küstennahen Regionen.
Kann dieses Modell auch im Süßwasser angewendet werden?
Grundsätzlich ja. Während Algen und Tang spezifische marine oder Brackwasserbedingungen bevorzugen, gibt es auch Süßwasserpflanzen und Mikroalgen, die für ähnliche Zwecke in Binnengewässern kultiviert werden könnten, um Nährstoffbelastungen zu reduzieren.

Quellen & weiterführend

  1. Umweltbundesamt (UBA) Berichte zur WasserqualitätUmweltbundesamt (UBA) uba.de
  2. WHO Berichte zur AntibiotikaresistenzWorld Health Organization (WHO) who.int
  3. Studien zur marinen Aquakultur und UmweltfolgenNature Food nature.com/natfood/
  4. Berichte des Instituts für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR)GEOMAR geomar.de
  5. Studien zur Nährstoffdynamik in KüstengewässernICES Journal of Marine Science journals.sagepub.com/home/jmf